Das schnellste Osterei der Republik: 20 Jahre Gýmir


“Mein persönlicher Held“ – aus tiefstem Herzen kommt dieses Lob von Kai Anna Braun, und natürlich gilt es ihrem treuen Gýmir, der in diesem Jahr sein zwanzigstes Osterfest inmitten der Lixhof-Familie und -Gemeinschaft verlebt.

Geboren wurde er als Sohn des späteren Ehrenpreisträgers für Nachkommen, Depill frá Votmúla, am 25. Mai 1996. Die Geschichte, die das heutige Osterfest so besonders macht, begann allerdings in Gýmirs fünftem Lebensjahr und damit vor genau zwei Jahrzehnten, als er im kastanienbraunen Winterfell auf einmal mit einer riesengroßen roten Schleife um den Hals bei Kai zu Hause seinen Einstand feierte.

Rückblende: wie wurde der kleine Braune von der kleinen Braun zu DEM Pferd, das sie heute als das eine, das besondere, das Herzenspferd bezeichnet?

Wirklich vorherzusehen war das damals – beim Ausprobieren einige Zeit vor Ostern 2001 – nämlich nicht auf Anhieb, denn Gýmir war auf Hrafnsholt zwar gut grundausgebildet, aber eben noch nicht weit genug für ein Kind, und das nicht einmal achtjährige Kind hatte altersgerecht auch noch nicht den allergrößten Schatz an reitersicher Erfahrung.

Und trotzdem erinnert sich Kai etliche Jahre später: „Wie sollte es anders sein – sobald dieses kleine Pferd mit den schönen Abzeichen und diesem unglaublich süßen Gesicht unseren Hof betreten hatte, war es um mich geschehen. Damals habe ich mich natürlich recht wenig um Gangwerk, Temperament, Ausbildungsstand und Alter gekümmert oder darum, wie kompatibel er zu meinem eigenen reiterlichen Können war. Ein Blick in seine Knopfaugen und ich wollte ihn haben und keinen anderen!”

Da spielten dann auch einige Herausforderungen in der Probezeit von allgemeiner Rittigkeit bis zum noch leicht mangelhaften Betragen beim Schmied keine Rolle, denn das „Kinderpferd“ musste immerhin in seinem neuen Alltags-Potpourri erst noch lernen, was genau diese Rolle bedeutet. Kai blieb dennoch unverzagt, schließlich hatte sie sich in „ihren“ Gýmir verliebt, da blieb sie eisern.

Gar nicht eisern, sondern von Hingabe und Beharrlichkeit ihrer jüngeren Tochter überzeugt, trafen Annette und Steffen Braun die Entscheidung, von deren Umsetzung wir erneut Kai selbst erzählen lassen wollen:

„Ich erinnere mich noch heute genau an diesen Tag an Ostern 2001. Als ausgiebiger Langschläfer lag ich noch am späten Vormittag im Bett, als ich von meinen Eltern geweckt und aufgefordert wurde, nach unten auf die Terrasse zu gehen. Im Halbschlaf und mit zerzausten Haaren betrat ich also die Terrasse und da stand er: Gýmir mit einer riesigen roten Schleife um den Hals! Sicher sah man es mir nicht direkt an, da ich noch wirklich müde war, doch in diesem Moment war ich einfach nur glücklich. Diesen Tag werde ich wohl nicht vergessen, sollte doch genau da eine ganz besondere langjährige Freundschaft entstehen … und ich bin meinen Eltern noch immer zutiefst dankbar, dass sie dieses Wagnis für mich eingegangen sind. Was habe ich nicht alles erlebt und gelernt mit und von diesem Pferd! Und das bis heute.”

Kai weiter: „Auch in der Schule konnte ich gar nicht aufhören, an ihn zu denken. Wann immer es nämlich etwas zu malen oder einen Aufsatz zu schreiben gab – Gýmir war dabei. Egal wie das Thema oder die Überschrift hieß, ich hab’ Gýmir miteingebaut. Sollte ich einen Aufsatz über einen Ausflug ins All schreiben: Gýmir flog mit mir. Lautete der Titel eines Aufsatzes „Meine Reise in die Unterwasserwelt“, Gýmir bekam eine Taucherausrüstung. Gar kein Problem!

Bei der Frage nach dem gemeinsamen reiterlichen Weg erinnert sich Kai, dass dieser nicht immer nur geradlinig verlaufen ist: „Ich liebe dieses Pferd trotz all seiner Macken und Schwierigkeiten. Klar hätte ich es um einiges einfacher haben können mit einem anderen Pferd. Ihn zu verkaufen, stand für mich aber einfach nicht zur Debatte und so haben wir uns gemeinsam auch durch hindernisreiche Zeiten hindurchgekämpft und sind vielleicht gerade deswegen zu so guten Partnern geworden. Ich bin mir sicher, ohne dieses Pferd hätte ich auch nicht die Disziplin und das Durchhaltevermögen erlernt, das einem mit Pferden, in der Schule, im Studium oder sonstwo eine große Hilfe sein kann.

Andererseits hätte mir auch niemand außer Gýmir so deutlich zeigen können, wie toll es sich anfühlt, für all diese Arbeit belohnt zu werden. Ob das persönliche Erfolgserlebnisse im Alltag waren, wie zum Beispiel einfach nur ein spaßiger entspannter Ritt mit Freunden oder unzählige Auftritte mit unserem Show-Team, oder unsere späteren sportlichen Erfolge von etlichen Deutschen Jugendmeistertiteln bis hin zu zwei Goldmedaillen auf Deutschen Meisterschaften sogar bei den Erwachsenen.”

Zwischendurch gab es aber auch Rückschläge zu überwinden, berichtet Kai: “Gýmir hatte mal eine längere Verletzungspause, in der wir uns ganz viel Zeit dafür genommen haben, dass er sich davon erholen konnte. Ich hab’ mich danach getraut, mich 2016 mal wieder einfach ohne Sattel auf ihn zu schwingen und eine kleine Runde durch das Gelände zu stromern. Auch wenn ich das in jenem Moment natürlich gar nicht von ihm gefordert habe, war gleich das gute Gefühl zurück, dass er wieder mit seiner unvergleichlichen Energie laufen wollte … und jetzt ja auch ganz offenbar wieder konnte.”

Bis zum Sommer 2017 war Gýmir einmal mehr fit wie ein Turnschuh, frisch für die DIM qualifiziert … und in Wurz beschenkte er Kai mit einem weiteren Deutschen Meistertitel im Passrennen über 150 Meter. Mit 21 Jahren und in persönlicher Bestzeit!

Das letzte Wort gehört abermals Kai:

„Ich bin einfach nur unwahrscheinlich dankbar. Dankbar, ihn gefunden zu haben. Dankbar, meine Kindheit, Jugend und das Erwachsenwerden mit ihm erlebt zu haben. Dankbar, einen Lehrer, einen Freund und einen Partner wie ihn zu haben. Dankbar, ihn nun schon eine so lange Zeit an meiner Seite zu haben. Dankbar, dass ich noch immer jeden Tag im rasanten Tölt und Rennpass mit ihm durch den Wald flitzen darf. Dass er auch heute mit 25 Jahren gesund und fit ist wie eh und je. Dass er noch immer ein paar seiner alten Flausen im Kopf hat. Dass ich bei ihm stets meine Alltagssorgen vergessen und einfach mal abschalten kann.

Ich bin dankbar dafür, mein besonderes Pferd gefunden zu haben!”