Über Menschen, Pferde und Pferdemenschen


Die Beziehung zwischen Pferden und Menschen war schon immer eine ganz Besondere. Lange bevor der erste Sattel auf einen Pferderücken gelegt wurde, waren sie für die ersten Menschen als Fleischlieferanten von großer Bedeutung. Herden von ihnen galoppieren heute noch über die Felswände der Höhlen von Lascaux. Wer der erste Reiter war, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen, aber man geht davon aus, dass er wohl in den weiten Steppen Asiens zum ersten Mal das Glück der Erde auf einem Pferd fand. Man kann nur erahnen, was das für ein Gefühl war, über die Weiten des Graslandes zu streifen, schneller als je ein Mensch vor ihm.

Schon bald ritten ganze Reitervölker über die Ebenen und legten Strecken zurück, die vorher absolut unbezwingbar gewesen wären und verbreiteten ihre Entdeckung in den meisten Ländern der Erde. Sättel und Zaumzeuge wurden ebenso erfunden wie Kutschen und Streitwagen und etwas später der Steigbügel. Diese revolutionäre Art der Fortbewegung stellte die damals bekannte Welt völlig auf den Kopf und machte die Weltgeschichte, wie wir sie heute kennen, erst möglich.

Ein paar Jahrtausende später bot sich der Feldherr und Schriftsteller Xenophon als erster Vermittler zwischen den Pferden und ihren Reitern an. Er schrieb als erster Autor überhaupt eine Reitlehre, die in weiten Teilen noch heute Gültigkeit besitzt. Neuartig war damals der freundliche und  partnerschaftliche Umgang mit dem Pferd.

In den Jahrhunderten, die folgten, wurde die Bedeutung des Pferdes sogar noch größer: Feldherren wie Julius Caesar, Karl der Große, Dschingis Khan, Napoleon Bonaparte und viele andere eroberten Reiche von nie vorher gekannten Ausmaßen auf dem Pferderücken. Vor Pflügen und Karren halfen sie ferner dabei, die Landwirtschaft voran zur treiben und so die Nahrungsgrundlage von immer mehr Menschen zu sichern.

Erst nach den technologischen Entwicklungen am Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts nahm diese Rolle stetig ab. Die beiden Weltkriege waren die letzten Konflikte, in denen berittene Einheiten eine größere Rolle spielten und, im Angesicht von Panzern und Maschinengewehren, einen verheerenden Blutzoll zahlen mussten. Die Zeit des Pferdes im Krieg war damit endgültig vorbei. Vom Arbeits- und Militärtier etablierte es sich langsam aber sicher zum Freizeitpartner.

Die Geschichte der Beziehung von Menschen und Pferden ist also fast so alt wie die Geschichte der Menschheit selbst. Ohne das Pferd wären wir nicht, wo wir jetzt sind. Ohne den Menschen wäre das Pferd nach dem Verschwinden der weiten Steppen in Europa möglicherweise ausgestorben. Diese beiden Fäden sind untrennbar verwoben, denn die Geschichte lässt sich nicht zurückdrehen. Sie ist geprägt von Entdeckergeist, aber auch von Irrtümern und in Teilen leider auch von Grausamkeit.

Doch für jeden größenwahnsinnigen Feldherren gab es immer auch Menschen, denen das Wohl ihrer Pferde am Herzen lag. Menschen, die die Beziehung zwischen Menschen und Pferden verbessern wollten und die das hatten, was nüchterne Geister mit „Talent“ umschreiben und Dichter vielleicht eine besondere Gabe nennen würden. Sie waren echte Pferdemenschen, die wussten, dass zwischen Pferd und Reiter noch mehr sein kann als bloß Sattel und Zaumzeug.

Saßen sie auf ihren Pferden, so bewegten sich diese geleitet von unsichtbaren Hilfen und es wirkte, als würden zwei alte Freunde miteinander tanzen. Partnerschaft war für sie nicht bloß eine leere Floskel. Oft wurden diese besonderen Menschen belächelt, aber von Zeit zu Zeit wurden sie auch bewundert und verehrt. Zu diesen Menschen gehörte sicherlich der bereits erwähnte Xenophon, aber auch Namen wie François Robichon de la Guérinière und Gustav Steinbrecht kommen einem in den Sinn.

Aber Menschen, die ihre Pferde liebten und verstanden, gab es zu jeder Zeit in fast allen Regionen der Erde: In der mongolischen Steppe, auf der nordamerikanischen Prärie oder in den Marställen der Höfe europäischer Könige. Selbst auf den blutgetränkten Schlachtfeldern existierten sie. Die Geschichte hat den Mantel des Schweigens über ihre Lebensgeschichten geworfen und wir kennen ihre Namen zum größten Teil nicht, aber in den verschiedenen reiterlichen Traditionen leben sie bis heute fort.

Es ist unsere Verantwortung, ihr Erbe fortleben und die Partnerschaft zwischen Mensch und Pferd gedeihen zu lassen. Oft konnten sie aufgrund von Armut, Krieg oder anderen Umständen ihren Pferden nicht das Leben bieten, was sie sich für sie gewünscht hätten. Sie hatten zwar großes Wissen, aber nicht die wissenschaftlichen Methoden, um manchen wichtigen Fragen auf den Grund zu gehen.

Uns steht heute der größte Wissensschatz zur Verfügung, den die Menschheit je gesehen hat. Wir haben heute die Möglichkeit, unsere Pferde artgerecht zu halten und auszubilden. Das Band, welches vor tausenden von Jahren zwischen unseren beiden Spezies geknüpft wurde, ist auch heute noch stark, aber wir müssen uns seiner bewusst sein. Als der Mensch das Pferd gegen dessen Willen zähmte und es sich zu Nutzen machte, verpflichtete er sich gleichzeitig dazu, dafür zu sorgen, seinen Bedürfnissen gerecht zu werden und es zu ehren.

Wir können heute dieses Versprechen so vollständig einzulösen, wie es den Generationen vor uns nicht möglich war. Lasst uns diese Chance nutzen!